Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – Recruiting in der Handwerksbranche

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – Recruiting in der Handwerksbranche
Foto: Roland Riethmüller

Das Telefon klingelt heiß, weil sich in der Nachbarschaft ein Rohr- oder Glasbruch ereignet hat, aber niemand kann abnehmen, weil bereits der nächste Termin ins Haus steht? Der Terminkalender ist bereits mehr als übervoll, der Betrieb ist bis auf die letzte freie Minute ausgebucht: Die Handwerksbranche ist händeringend auf Nachwuchssuche! 

Die Bewerberflut bleibt allerdings aus. Betriebsleiter Heiko Anders berichtet von einem vergeblichen Versuch mittels eines XXL-Plakates neue Gesellen zu finden. Leider hat dieses Plakat nichts gebracht, selbst nach vier Monaten kam kein Anruf. Kommt Ihnen das bekannt vor? Im Folgenden gibt es ein paar Tipps und Tricks für die Mitarbeiterfindung im Betrieb.

Trotz Bierchen auf dem Bau: Nachwuchsmangel bei den Handwerkern

Es sind schwierige Zeiten für Handwerksbetriebe: Im Internet kursieren haufenweise Tutorials zu nahezu jedem erdenklichen Thema und junge Menschen scheinen heutzutage anders bzw. weniger an Arbeit herangeführt zu werden: Kaum einer muss sich sein Taschengeld noch mit Rasenmähen oder Autowaschen selbst verdienen.
Und die Sorgen von Heiko Anders sind kein Einzelfall: Die Bewerbungen für handwerkliche Berufe bleiben oft aus – er beklagt, die Hauptnachfrage komme, wenn dann von der Sonderschule, nicht mal mehr von der Hauptschule.

Handwerk hat goldenen Boden

Die mangelnde Nachfrage ist eigentlich verwunderlich, denn das Handwerk hat goldenen Boden und Nachwuchstalenten stehen Tür und Tor offen. Das alte deutsche Sprichwort ist so aktuell wie nie: 2009 erzielte die Handwerksbranche einen Gesamtumsatz von ca. 488 Milliarden Euro. Da seit 2004 kein Meisterbrief für eine Betriebsgründung mehr nötig ist, stieg die Zahl der Betriebe erheblich an. Die meisten Handwerksbetriebe bestehen aus fünf bis 20 Mitarbeitern.

Handwerkern stehen Tür und Tor offen

Bis zur Gesellenprüfung dauert es in der Regel drei Jahre. Wer sich zum Meister fortbildet, kann später selbst Gesellen ausbilden oder hat die Möglichkeit zu studieren: Wer die Meisterprüfung in der Tasche hat, kann an einer Hochschule studieren, mit der Gesellenprüfung kann man ebenfalls studieren und sich an einer Fachhochschule einschreiben. Ein gelernter Handwerker verdient um die 2.500 Euro, wobei hier gilt, je größer die Nachfrage nach seiner Dienstleistung, desto besser wird er bezahlt.

Klappern gehört zum Handwerk – Tipps für die Mitarbeiterbeschaffung

Die Arbeitssuche ist ein beidseitiger Verkaufsprozess: Einige Betriebe, die händeringend Personal suchen, lassen für einen neuen Gesellen mehrere Tausend Euro springen und beschaffen z.B. einen Gratis-Roller für den Anfahrtsweg oder locken mit sonstigen Vergünstigungen. Im Folgenden gibt es ein paar nützliche Tipps von bewährten Klassikern bis zu neuen Ansätzen, wie die Mitarbeitersuche auch ohne Roller in der Hinterhand zum Erfolg wird.

  1. Eine präzise Stellenbeschreibung!
    Eine eigene Webseite kann hilfreich bei der Suche sein, denn Interessenten erkundigen sich oft im Internet über den Betrieb oder gehen online auf Jobsuche.
    Das Internet ist eine gute Option gefunden zu werden: Eine Jobbörse eignet sich optimal für eine Anzeige und eine Online-Bewerbung, z.B. per One-Klick, erleichtert dem Interessenten den Bewerbungsprozess. Wer nicht so internetaffin ist, profitiert von der Regionalität: Da die Arbeit von Handwerksbetrieben oft regional begrenzt ist, kann ein Kandidat auch offline erreicht werden: Printmedien werden häufig unterschätzt, ein Plakat ist ein guter Ansatz, aber als Einzelmedium nicht ausreichend. Stellenausschreibungen in Zeitungen und Fachmagazinen sind in Bezug auf die Zielgruppe sehr effizient.
     
  2. Networking!
    Es kann es sich lohnen, im eigenen Bekanntenkreis nachzuforschen. Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich bewährt. Da die Handwerksbranche sehr regionalbezogen ist, stehen die Chancen gut, bei einer ausgezeichneten Reputation neue Gesellen zu finden. Und wer dennoch keine fertigen Gesellen findet, muss sie selbst ausbilden. Dabei können Anzeigen und ein persönliches Netzwerk hilfreich sein.
    Socialmedia-Kanäle, wie Facebook, Xing oder LinkedIn, können dabei helfen, neue Bewerber zu finden. Das sog. Socialmedia-Recruiting bietet den Vorteil, dass direkte Kommunikation aktiv über Tools, wie z.B. den Messenger, stattfindet. So kann man die Fragen des Bewerbers zeitnah und schnell beantworten.
     
  3. Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter!
    Wenn Handwerksbetriebe diese Art der Mitarbeitergewinnung nutzen wollen, ist die Zufriedenheit der Mitarbeiter auch entscheidend: Motivierte Mitarbeiter werden anderen positiv und mehr berichten als unzufriedene. Regelmäßige und vor allem pünktliche Zahlungen steigern langfristig die Zufriedenheit. Pünktliche Zahlungen lassen sich am besten mit einem effizienten Lohnabrechnungs-Programm sicherstellen, welches viele Schritte automatisch übernimmt und so dem Vorgesetzen kostbare Zeit erspart.
     
  4. Messepräsenz zeigen!
    Hier können per Zufall auch Mitarbeiter gefunden werden, die vielleicht an eine Ausbildung oder einen Berufseinstieg in diese Branche nicht gedacht hätten. Auf regionalen Messen und Fachkonferenzen können neue Talente entdeckt werden. Wenn der Betrieb einen guten Messeauftritt schafft, bleibt er bei den Besuchern im Gedächtnis. Branchentypische Give-Aways, wie z.B. Zollstöcke, Bleistifte oder kleine Wasserwaagen sind nützlich und sorgen dafür in Erinnerung zu bleiben.
    Da ein Messestand relativ kostspielig ist, können sich kleine Betriebe auch einfach „unters Volk mischen“ und die Besucher direkt ansprechen und ggfs. auf diesem Wege potenzielle Mitarbeiter von der Konkurrenz abwerben.
     
  5. Die Jobbörse der Agentur für Arbeit nutzen!
    Die Agentur für Arbeit bietet für Arbeitgeber eine kostenlose Jobbörse. Sie hat einen Pool an Arbeitssuchenden, worunter sich auch teilweise qualifizierte Fachkräfte befinden. Die Bewerberdatenbank können Arbeitgeber nutzen, um selbst Kandidaten zu finden. Alternativ kann man auch über den Arbeitgeberservice der Agentur eine Suchanzeige aufgeben. Dafür genügt ein Anruf beim Arbeitsamt und es heißt warten und Tee trinken.
     
  6. Aufmerksam durch den Tag!
    Als Handwerker kommt man in der Regel mehrfach am Tag in Kontakt mit Menschen aus unterschiedlichen Branchen. Einige davon könnten auch für den eigenen Betrieb interessant sein. Ist dem so, dann sind direkte Fragen an der Tagesordnung, ob sich derjenige einen Jobwechsel oder Einstieg vorstellen könnte. Wer eine Visitenkarte bei sich führt, bleibt dem möglichen Bewerbungskandidaten direkt im Gedächtnis. Und dieser kann sich später bequem bei Interesse melden.
     
  7. Tag der offenen Tür
    Veranstaltungen, wie beispielsweise Sommerfeste oder ein sog. Tag der offenen Tür in einem Betrieb, ermöglichen Interessenten einen Einblick in den Betriebsalltag. Es ist eine unverbindliche Chance für Kandidaten, den Ablauf und das Handwerk kennenzulernen und eine Möglichkeit für den Betriebsleiter, die potenziellen Bewerber vorab persönlich kennenzulernen. Während der Veranstaltung helfen Flyer und Plakate dabei, auf das Stellenangebot aufmerksam zu machen.
     
  8. Kreativität so weit das Auge reicht!
    Werbung ist nur dann effektiv, wenn sie von vielen Menschen an vielen Orten gelesen wird. Deswegen lohnt sich Kreativität: Anzeigen auf dem Firmenwagen, an Handtuchspendern in der Gastro, an Zäunen von Baustellen, in Bussen und Bars sowie auf Festivals – Flyer und Plakate an zielgerichteten Orten erhöhen die Reichweite und mit etwas Glück fühlt sich ein potenzieller Bewerber dadurch angesprochen, auch wenn er vorher nicht gezielt nach so einem Job gesucht hat.